Den Übergang in den Ruhestand sorgsam gestalten
Shownotes
Bis 2036 gehen in Deutschland 20 Millionen Menschen in den Ruhestand. Unternehmen und Betroffene sind oft schlecht vorbereitet. Dabei ist der größte Fehler beider Seiten, den Übergang zu leicht zu nehmen.
Diesen Beitrag liest eine erfundene Stimme vor, geschrieben hat ihn Paul Fenski.
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Transkript anzeigen
00:00:00: Die Stimme, die diesen Artikel vorliest, ist erfunden.
00:00:03: Mich gibt's aber wirklich!
00:00:05: Ich bin Paul Fensky, Redakteur bei Neune Narrative und Autor dieses Artikels.
00:00:11: Schön, dass du am Start
00:00:12: bist.".
00:00:14: Bis im Jahr two-tausendzechsunddreißig gehen in Deutschland zwanzig Millionen Menschen in den Ruhestand.
00:00:19: Unternehmen und Betroffene sind oft schlecht vorbereitet – dabei ist der größte Fehler beider Seiten, den Übergang zu leichtzunehmen.
00:00:30: Den Übergang in den Ruhestand sorgsam gestalten von Paul Fensky.
00:00:36: Bevor er sich in den Ruhestand verabschiedete, wollte Hermann Terwiel sein vierzigjähriges Jubiläum bei der BHW-Bausparkasse noch einmal so richtig feiern.
00:00:45: Er hatte schon das Catering für sechzig Menschen bestellt und die Einladungen verschickt – sogar ein Vorstandsmitglied wollte kommen!
00:00:53: Doch dann kam der Lockdown.
00:00:55: Anstatt im Kreis seiner KollegInnen zu feiern saß Terwiell alleine Zuhause…und ging dann nahtlos in den Ruhe stand.
00:01:02: Keine Feier, keine Rede... Nicht mal ein Blumenstrauß.
00:01:06: Ein sang- und klanglose Abschied, nach über vierzig Jahren im
00:01:09: Unternehmen.".
00:01:11: Das kommt häufiger vor als man denkt, sagt die Personal- und Organisationsentwicklerin Angelika Gasmann.
00:01:19: Insbesondere wenn Menschen schon vor dem Renteneintritt nicht mehr in der Organisation präsent sind – etwa weil sie längerfristig krank sind!
00:01:26: Dann verschwinden Menschen einfach aus dem Unternehmen ohne jeden Abschied….
00:01:30: so Gasmann.
00:01:32: Als Organisationsentwicklerin hat sie für alle Phasen des Arbeitslebens Standards entwickelt.
00:01:37: Vom Recruiting über Sonboarding bis zur Förderung.
00:01:40: Aber die letzte Phase des Berufslebens hatte ich selbst lange nicht im Blick, sagt sie.
00:01:46: Erst ein Gespräch am Rande eines Workshops lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Thema.
00:01:50: Ein älteres Vorstandsmitglied erzählte ihr Ich habe meine ganze Lebensenergie in diesen Beruf gesteckt oft zu Lasten meiner Familie.
00:01:58: Im Ruhe stand müssten seine Frau und er nun wieder miteinander zurechtkommen.
00:02:02: Er wisse gar nicht, wie das gehen soll.
00:02:03: Auch die Nachfolge sei noch überhaupt nicht geregelt und das könne er ja wohl auch nicht übernehmen oder?
00:02:11: Reality-Check für Unternehmenswerte.
00:02:14: Das Gespräch ließ Gasmann nicht los.
00:02:17: Ihr wurde immer stärker bewusst, wie sehr das Thema Ruhestand im Arbeitsalltag vernachlässigt wird.
00:02:23: Inzwischen hat sie sich in ihrer Beratungstätigkeit auf das Thema spezialisiert und mehrere Fachbücher geschrieben.
00:02:30: Dass das Thema oft verdrängt wird ist nachvollziehbar.
00:02:33: Schließlich markiert der Ruhestand einen endgültigen Schlusspunkt und darüber denken wir Menschen nicht gerne nach.
00:02:39: Das sollte aber nicht so sein, denn in Deutschland gehen von zwei tausendzweiundzwanzig bis zweitausendzechsunddreißig fast zwanzig Millionen Menschen in Rente.
00:02:48: Gasmann sagt, Organisationen müssen eine Sprache finden um über diesen Abschied zu sprechen – auch aus Eigeninteresse!
00:02:57: Denn wie mit einem solchen Abschied umgegangen wird ist auch ein Gradmesser für Unternehmenswerte.
00:03:02: Ich glaube, es gibt kein Leitbild in dem nicht das Wort Wertschätzung vorkommt", sagt Gassmann.
00:03:07: Aber nicht nur einmal hat sie gehört wie Führungskräfte ihre Abschiedsreden mit den Worten eingeleitet haben?
00:03:14: Eigentlich weiß ich ja gar nicht so viel über die Person, die in Rente geht!
00:03:19: So etwas darf nicht passieren.
00:03:21: Denn ein verunglückter Abschied ist das Gegenteil von Wertschätzungen – nämlich eine tiefe Kränkung.
00:03:27: Wenn die Führungskraft die Person nicht gut kennt… Muss sie sich eben informieren, langjährige KollegInnen fragen oder zumindest in die Personalakte schauen.
00:03:35: Sonst entsteht das Gefühl dass man am Ende austauschbar ist.
00:03:39: Das entwertet alles was man in all den Jahren an Energie reingebracht hat sagt Gasman.
00:03:44: Doch der Schaden reicht noch tiefer.
00:03:47: Die Jüngeren schauen genau hin wie mit Menschen die in den Ruhestand gehen umgegangen wird Und sie ziehen ihre eigenen Schlüsse Den Übergang gestalten.
00:04:00: Es ist nicht nur für die Gehenden sondern auch für die Organisation wichtig, diesen Abschied gut vorzubereiten.
00:04:08: Gasmans Empfehlung lautet schon drei Jahre vor dem Renteneintritt mit der Planung zu beginnen.
00:04:13: Das klingt erst mal nach viel.
00:04:15: Doch Wissenstransfer braucht Zeit Nachfolge braucht Vorlauf Und auch wer geht durchläuft Phasen Erst geschäftig dann fragend am Ende loslassend.
00:04:25: Diese Übergänge müssen geplant und gestaltet werden bevor es zu spät ist So Gasmann Beide Parteien tragen für den Prozess Verantwortung.
00:04:34: Die Gehenden müssen sich selbst Klarheit verschaffen, wann sie gehen wollen und den Termin rechtzeitig kommunizieren, sagt sie.
00:04:41: Das sei nicht banal – denn das setze alles andere in Gang!
00:04:44: Außerdem Kassensturz machen.
00:04:47: Wissen dokumentieren auch wenn niemand danach fragt und Zutrauen vermitteln dass die Nachfolgenden ebenso gute Arbeit leisten werden.
00:04:56: Organisationen können die Gehende dabei unterstützen.
00:05:00: Bei der Paulinenpflege Winnenden einer sozialen Einrichtung mit tausend siebenhundert Mitarbeitenden, von denen in den nächsten fünf bis acht Jahren rund fünfhundert in Rente gehen werden zum Beispiel alle Mitarbeitende ab sechzig in den jährlichen Entwicklungsgesprächen gefragt wie Sie sich den Übergang vorstellen.
00:05:17: Wir behandeln das nicht als Tabu", sagt Petra Frisch die die Personalentwicklung leitet.
00:05:22: Zusätzlich gibt es alle zwei Jahre einen Infonachmittag für Mitarbeiter zwischen sechszig und fünfundsechzig.
00:05:29: Neben praktischen Fragen wie etwa zu anträgen, geht es um Reflexion.
00:05:33: Wie gut hast du den Übergang vorbereitet?
00:05:35: Wie sieht es in deinem Umfeld aus – sozial-, familiär?
00:05:39: Welche unerfüllten Träume hast du noch?
00:05:42: Organisationen sollten aber nicht nur die Gehenden unterstützen sondern sich auch selbst auf die entstehende Lücke vorbereiten.
00:05:49: Menschlich, emotional, aber auch operativ!
00:05:53: Denn während die Boomer-Generation den Arbeitsmarkt verlässt kommen weit weniger Arbeitskräfte nach.
00:05:59: Wenn Organisationen klug sind, machen sie deshalb zwei Dinge.
00:06:03: Erstens – Sie kümmern sich um den Wissenstransfer und stellen damit sicher das möglichst viel Wissen der Gehenden in der Organisation bleibt.
00:06:12: Zweitens – sie bieten weiter Arbeit an und schaffen so Möglichkeiten für die Gehende, sich auch über die Erwerbszeit hinaus einzubringen.
00:06:21: Was Organisationen für die Sicherung des Wissentransfers mindestens tun sollten ist die gehenden zu bitten, Checklisten und Dokumentationen über Arbeitsabläufe, Kontakte und Erkenntnisse zu erstellen.
00:06:32: Um dabei nicht oberflächlich zu bleiben und auch sogenanntes implizites Wissen weitergeben zu können hat Gasmann die Methode des würdezentrierten Exitgesprächs entwickelt.
00:06:43: Sie hat eine Reihe von Fragen entwickelt, die dabei helfen sollen ein Destillat der Haltung, Werte- und Erfahrungen der Person herauszuarbeiten.
00:06:51: Die Fragen lauten Was waren meine Erfolge?
00:06:55: Was war für mich eine wesentliche Haltung?
00:06:59: Was war mir wichtig, was war aus meiner Perspektive meine Leistung und was wünsche ich mir, was davon auch nach mir noch bleiben soll.
00:07:08: Dabei hat sie sich an der Hospizarbeit orientiert.
00:07:11: Würde zentrierte Gespräche geben Sterbenden die Möglichkeit zu sagen, was in ihrem Leben wichtig war.
00:07:17: Analog helfen Sie beim Eintritt in den Ruhestand den Mitarbeitenden ihre berufliche Lebensleistungen zu reflektieren und darauf basierende Erfahrungswerte weiterzugeben.
00:07:27: Das schärft den Blick dafür, was bei der Einarbeitung betont werden sollte.
00:07:32: Deshalb ist langfristige Planung so wichtig!
00:07:35: Nur so kann die gehende Person die potenzielle Nachbesetzung einarbeiten und dabei dieses implizite Wissen weitergeben.
00:07:43: Im besten Fall arbeiten die gehenden und die nachkommende Person ein halbes Jahr zusammen – das mag zunächst nach einer hohen finanziellen Belastung für das Unternehmen klingen.
00:07:53: In der Regel zahlt es sich aber aus… Gerade wenn die Aufgaben vielschichtig sind und das Erfahrungswissen dabei entscheidend ist.
00:08:00: Wenn sich die beiden Personen, die anfallende Arbeit teilen bleibt Zeit um darüber zu sprechen warum und wie diese Arbeit erledigt wird.
00:08:07: Die gehende Person kann reflektieren welches Wissen entscheidnd ist Und wie sie es der Person am besten mitgibt.
00:08:14: Die nachfolgende Person hat ihrerseits Zeit das Wissen zu verinnerlichen und all ihre Fragen zu stellen.
00:08:21: Wenn beide von der Organisation den nötigen Freiraum bekommen und sich Mühe geben, die Übergabe möglichst gut zu gestalten ist die nachfolgende Person letztlich wirklich im Stande, die Aufgaben zuverlässig zu übernehmen.
00:08:33: Dann kann die gehende Person guten Gewissen Sayonara sagen.
00:08:37: Was aber wenn die Person das gar nicht will?
00:08:40: Es wäre eine fatane Chance Menschen, die weiterarbeiten wollen einfach in den Ruhestand zu schicken!
00:08:46: Denn vielen Unternehmen fällt es schon jetzt schwer geeignete Arbeitskräfte zu finden.
00:08:51: Doch erfahrungsgemäß knüpfen Rentnerinnen ihre Weiterarbeit an Bedingungen.
00:08:56: Der Trend geht dahin, sich nicht mehr so binden zu wollen – so Petra Frisch!
00:09:01: Erst mal reisen, das Gartenhäuschen renovieren und dann vielleicht mal Projektbezogen was machen.
00:09:07: In der Paulinenpflege ist es möglich.
00:09:10: Entscheidend ist zu verhindern dass der Kontakt abreißt, sagt Frisch.
00:09:14: Deshalb bekommen alle Führungskräfte die in den Ruhestand gehen eine Checkliste.
00:09:19: Da steht drin….
00:09:20: Kannst du dir weiterhin eine Tätigkeit in diesem oder einem anderen Bereich vorstellen?
00:09:25: Wie sollen wir den Kontakt halten?
00:09:29: Der Teppich meines Lebens.
00:09:32: Die auf persönlicher Ebene wichtigste Voraussetzung für einen guten Übergang in den Ruhestand ist die Einsicht, dass es einen solchen braucht.
00:09:40: Doch vielen fällt es schwer sich überhaupt gedanklich und emotional mit dem Ende auseinanderzusetzen – vielleicht weil es den Alltag auf den Kopf stellt!
00:09:50: Vielleicht, weil die Arbeit dem Leben Sinn gegeben hat….
00:09:54: Um über Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Erwartungen ins Gespräch zu kommen, zitiert Gasmann in ihren Workshops ein Gedicht von Mascha Kaleco.
00:10:02: Es ist ein Auszug aus dem Gedichtband sei klug und halte dich an Wunder!
00:10:09: Nun aber da der Teppich meines Lebens flach aufgerollt ist fast bis an sein Ende zeigt sich ein Muster das ihm ferne Hände seit langem bunt-und kunstvoll eingewebt.
00:10:21: dass seltsame Gefläche von Tag und Jahr.
00:10:23: Auf einmal liegt es vor mir, rund und klar.
00:10:29: Aber mein Leben geht doch nicht zu Ende – das ist doch nur meine Arbeit!
00:10:33: protestieren die teilnehmenden meist Und gestehen dann doch, dass das Ende der Arbeit auch etwas mit dem Ende des Lebens zu tun hat.
00:10:41: Das Erwerbsleben is' die längste Phase des Lebens und daß sie endet berührt etwas Tiefes", sagt Gassmann.
00:10:48: Der letzte Arbeitstag kann also zu einem solchen Moment werden an dem das Gefläch von Tag und Jahr dass eingewebte Muster bestaunt werden kann.
00:10:57: Auch wenn es damit noch kein Ende gefunden hat, so gibt es doch einen Bruch – das Muster wandelt sich!
00:11:04: Gerade Männer fingen dann oft an zu weinen, erzählt Gasmann.
00:11:08: Sie haben ihre Kontakte oft nur auf der Arbeit.
00:11:10: Wenn dann im Privaten die Partnerin krank ist oder stirbt, fallen sie ins Bodenlose.
00:11:16: Gehende sollten sich deshalb früh fragen Wer will ich sein, wenn die Erwerbsarbeit wegfällt?
00:11:22: Und wie will ich die Zeit bis dahin gestalten?
00:11:25: Frauen sind hier meist besser aufgestellt.
00:11:28: Denn ihr Erwerbsleben hat, weil sie häufiger Sorgearbeit übernehmen – oft schon vorher Brüche erfahren!
00:11:34: Zugleich haben Sie in der Regel auch außerhalb der Arbeitswelt mehr und ausgeprägtere zwischenmenschliche Beziehungen.
00:11:40: Dabei ist die Phase nach der Erwerbstätigkeit auch wegen der gestiegenen Lebenserwartung eine Zeit, in der man noch vieles ausprobieren sich sogar nochmal ganz neu erfinden kann.
00:11:51: Hermann Terwill war die Zeit im Lockdown eine Lehre.
00:11:54: Sie war ein Vorgeschmack auf das Leben vor dem es ihm graute.
00:11:58: Er saß im Homeoffice und merkte, wie er vereinsamte.
00:12:01: Er fragte sich, wie es erst werden soll wenn er in Rente geht?
00:12:04: Würde er nur noch zu Hause rumhängen und sich zur Tode langweilen – wie einige seiner ehemaligen Kolleginnen?
00:12:10: Um das zu verhindern, nahm Terwiel die Dinge selbst in die Hand!
00:12:14: Er bewahrt sich bei der Telefonseelsorge und absolvierte eine fünfzehnmonatige Ausbildung.
00:12:20: Heute telefoniert er dreimal im Monat jeweils vier Stunden.
00:12:24: Das macht mir Spaß, auch wenn es schwere Gespräche sind", erzählt er.
00:12:28: Neben der Telefonseelsorge fährt er Bürgerbus, berät beim Sozialverband VDK, macht Karneval.
00:12:35: Dienstags ist Stammtisch mit neun Männern von denen er einige schon seit dem Gymnasium kennt.
00:12:40: Ich habe mir gesagt, jeden Tag machst du einen Termin.
00:12:46: Inputgeberin Angelika Gassmann ist Personal- und Organisationsentwicklerin.
00:12:52: Sie entwickelt Modelle Wissenstransfer und Nachfolge professionell, würdevoll und strategisch zu gestalten.
00:13:02: Ihr Grundlagenwerk Praxiswissen Offboarding Übergänge gestalten, wissensichern Würde bewahren Erschien im Chefer Poeschel Verlag.
00:13:36: Ich bin's doch mal Paul!
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