Ohne Care keine Wirtschaft!

Shownotes

Care-Tätigkeiten werden häufig schlecht und noch häufiger gar nicht bezahlt. Dabei würde ohne sie gar nichts laufen. Wer Fürsorge fördert, tut nicht nur etwas Soziales, sondern stärkt die Wirtschaft insgesamt.

Diesen Beitrag liest eine erfundene Stimme vor, geschrieben hat ihn Laura Erler.

Link zum Artikel: https://www.neuenarrative.de/magazin/ohne-fuersorge-und-carearbeit-keine-wirtschaft

Unterstütze uns mit einem Abo: https://www.neuenarrative.de/abo

Feedback: https://neuenarrative.typeform.com/to/cpYdAS9j

Produktion: https://huebsch.schoenreden.com/

Transkript anzeigen

00:00:00:

00:00:13: Kehrtätigkeiten werden häufig schlecht und noch häufiger gar nicht bezahlt.

00:00:17: Dabei würde ohne sie gar nichts laufen!

00:00:20: Wer Fürsorge fördert, tut nicht nur etwas Soziales sondern stärkt die Wirtschaft insgesamt.

00:00:33: Bei der großen Hungersnot nach einer Kartoffelfäule starb in Irland zwischen eighteenhundert fünfundvierzig und achtzehnhundert zweiundfünfzig eine Million Menschen.

00:00:43: Vermutlich wären es noch mehr gewesen, wenn nicht mehrere Staaten Spenden gesammelt hätten.

00:00:49: Obwohl die nordamerikanische Indigene Gemeinschaft Choctaw Nation Vertreibung und finanzielle Nöte hinter sich hatte, spendete sie damals umgerechnet auf heute mehrere tausend Dollar.

00:00:59: Warum erzählen wir nicht mehr solcher Geschichten?

00:01:02: Die Geschichtsschreibung umfasst meist nur Kriege und Konflikte.

00:01:06: Dadurch entsteht der Eindruck, Menschen seien von Natur aus feindselig und kompetitiv.

00:01:11: Dabei sind wir soziale Wesen und unsere Kultur – all unsere Errungenschaften ohne umfassende Kooperation undenkbar!

00:01:19: Deswegen gehört Fürsorge in unsere Debatten auch in der Arbeitswelt.

00:01:26: Wertschöpfung & Fürsorge Wir funktionieren nur wenn es uns gut geht.

00:01:32: Wir müssen essen, uns ausruhen und pflegen um unsere Arbeitskraft wieder herzustellen.

00:01:36: Daher ist die Rolle von Fürsorge für Staat- und Wirtschaft immens!

00:01:41: Die Politikwissenschaftlerin Joan Tronto definiert CARE als alles was wir tun um die Welt zu erhalten fortzuführen und wiederherzustellen damit wir in ihr so gut wie möglich leben können.

00:01:52: Wir können Sorgearbeit in zwei Bereiche aufteilen.

00:01:56: Erstens Selbstsorge.

00:01:59: Das umfasst Tätigkeiten, die unsere Gesundheit erhalten und unsere Arbeitskraft wiederherstellen.

00:02:04: Zum Beispiel Kochen, Putzen oder Körperpflege.

00:02:08: Zweitens Sorge für andere Menschen also Nachwuchsaufziehen alte kranke bedürftige Pflegen aber auch zuhören und emotionale Unterstützung leisten.

00:02:19: Erwerbsarbeit kann nur stattfinden wenn wir Reproduktionsarbeit und Sorgearbeit für uns und andere leisten.

00:02:26: Gleichzeitig ist Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft die Grundlage dafür, dass wir uns ernähren, kleiden und in einem Bett schlafen können.

00:02:34: In der Wirtschaft ist in Vergessenheit geraten wofür wir eigentlich arbeiten um gut leben zu können.

00:02:41: Sorge-Tätigkeiten bewerten wir gering – aber das heißt nicht, dass sie wertlos sind!

00:02:46: In den neunzehntsiebziger Jahren forderten Feministinnen wie Sylvia Federici einen Lohn für Hausarbeit, um zu zeigen , dass der Kapitalismus von unbezahlter Sorgearbeit profitiert.

00:02:57: Was passiert, wenn alle unbezahlten Sorgetätigkeiten ruhen, zeigten die Isländerinnen mit ihrem Frauenstreik im Oktober, in dem bei dem neunzig Prozent der isländischen Frauen weder Kehr noch Erwerbsarbeit verrichteten.

00:03:12: PolitikerInnen und Männer merkten das ohne Frauen sowohl privat als auch wirtschaftlich nichts mehr lief – vom Frühstück bis zum Unterricht von der Büroarbeit bis zur Pflege.

00:03:22: In den folgenden Jahren führten sie Frauenquoten Gleiche Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen ein, und Island wurde zum Musterland für Gleichstellung.

00:03:33: Sorgearbeit wird ausgelagert.

00:03:36: Ab dem neunzehnten Jahrhundert wurden die Haushalte allmählich kleiner.

00:03:40: Die bürgerliche Kleinfamilie beschränkte sich auf zwei Erwachsene und wenige Kinder.

00:03:44: Dass die Frau des Hauses nicht erwerbsarbeiten musste war ein Zeichen von Wohlstand.

00:03:49: Sie kümmerte sich dafür allein um den Haushalt-und die Kindererziehung.

00:03:53: Das Konzept der Hausfrau war geboren.

00:03:56: Das funktionierte nur, weil der Mann so viel verdiente, dass er die sorgearbeitende Hausfrau mit ernähren konnte.

00:04:02: Heute geht ein Großteil der Frauen Erwerbsarbeit nach – das führte allerdings weniger dazu, dass die Haushaltseinkommen stiegen als zu einer schleichenden Anpassung der Löhne.

00:04:12: Heute ist es kaum mehr möglich von einem Medianeinkommen eine Familie zu ernählen und die Kehrarbeit muss neben Vollzeitbeschäftigung passieren.

00:04:20: Wir verlangen von Eltern, dass sie so leistungsfähig sind wie ihre kinderlosen KollegInnen die sich nicht nach einer schlaflosen Nacht und einem Trotz-Anfall des kitermüden Kindes zur Arbeit schleppen müssen.

00:04:31: Das Eltern zu wenig Zeit für Sorgeaufgaben und selbst für Sorghaben erzeugt chronischen Stress und Burnout.

00:04:39: Ein Bericht des Müttergenäsungswerks zeigt, dass zweiundachtzig Prozent aller Eltern Kindkuren wegen Erschöpfungszuständen auf Zeitmangel zurückgehen.

00:04:48: Erschöffte Erwachsene können keine guten Kergeber sein!

00:04:52: Mehr Familienfreundlichkeit erreicht Zeitpolitik erst dann wenn Kerverantwortliche Mehrzeit haben, sich zu erholen.

00:04:59: Schreibt die Publizistin Theresa Bücker in ihrem Buch Alle Zeit.

00:05:03: Das Problem betrifft vor allem Frauen, die laut der Zeitverwendungsstudie-Zweitausendzweiundzwanzig in der Woche immer noch neun Stunden unbezahlte Arbeit mehr leisteten als Männer.

00:05:14: Sind Putzkräfte und Babysitter keine Lösung?

00:05:17: Abgesehen davon dass sich das nur fünf Prozent der Menschen leisten können entstehen dadurch globale Care Chains.

00:05:23: Prequer beschäftigte migrantische Frauen betreuen hier Kinder und Angehörige von Besserverdienenden.

00:05:29: Forderungen wie die nach kostenfreien Kita-Plätzen für alle sind sicher gut und unterstützenswert, aber wir müssen uns auch fragen, wie weit wir Kehrarbeit auslagern wollen – und ob wir nicht den Kampf auch darauf richten sollten, dass wir weniger Lohnarbeiten müssen und mehr Zeit für Kehrarbeit haben.

00:05:46: Schließlich möchten wir uns ja vielleicht auch selbst um unsere Lieben kümmern und die Kehr Arbeit gar nicht vollständig delegieren!

00:05:54: Alle leiden unter Zeitnot.

00:05:58: Obwohl das Thema Kehrarbeit fast immer im Zusammenhang mit Kinderbetreuung auftaucht, betrifft der Mangel an Zeit für Führsorge aber nicht nur Eltern.

00:06:06: Erstens sollte uns allen klar sein dass die Frage ob es gesund aufwachsende Nachwuchs gibt essenziell für die ganze Wirtschaft und die ganze Gesellschaft ist.

00:06:15: Ähnlich ist es in anderen Bereichen von Fürsorge.

00:06:18: Wenn sie fehlt dann haben wir alle ein Problem.

00:06:22: Selbst kinderlose, gut verdienende Menschen leisten und empfangen permanent Sorgearbeit.

00:06:27: Werden irgendwann krank?

00:06:29: Und brauchen jemanden der ihnen Suppe kocht einen Tee reicht oder Medizin holt damit sie genesen und überhaupt zurück an den Schreibtisch kommen können.

00:06:37: Sie müssen für sich sorgen pflegen.

00:06:39: alte Eltern kümmern sich um chronisch kranke menschen partenkinder oder begleiten Freundinnen durch Krisen.

00:06:47: Im Jahr twenty-zweiundzwanzig gaben in einer Studie vier und achtzig Prozent der Befragten an, dass gute Freundinnen der wichtigste Aspekt in ihrem Leben sind.

00:06:56: Diese nicht institutionalisierten Beziehungen wie auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Wahlfamilien, Wohngemeinschaften oder mehr Generationenhaushalte werden bei dem Thema aber oft nicht mitgedacht.

00:07:08: Das Arbeitsrecht ist für alternative Lebensmodelle lückenhaft.

00:07:12: Sonderurlaube im Trauerfall gibt es beispielsweise nur für Eltern und Kinder Nicht etwa für die beste Freundin.

00:07:19: Und Fürsorge endet auch nicht bei den engen Beziehungen.

00:07:23: Wir würden vielleicht auch für unsere NachbarInnen, unseren Kiez, unser Dorf oder für die Gesellschaft mehr sorgen wenn wir es könnten.

00:07:30: Im Jahr im Jahr haben sich seit dem Jahr im Jahre- und Jahrzehntausende ab vierzehn Jahren in Deutschland freiwillig engagiert.

00:07:38: Zwei-tausendneunzehn waren es noch drei Prozentpunkte mehr.

00:07:41: Für ein Ehrenamt und zivilgesellschaftliches Engagement brauchen wir Zeit und Energie!

00:07:47: Doch wir arbeiten immer mehr.

00:07:49: Insgesamt haben wir zweitausendfünfundzwanzig durchschnittlich zwei Komma sechs Wochen Stunden mehr gearbeitet als nineteenhundertneunzig Frauen sogar fünf Komma zwei Wochen stunden.

00:07:59: Gleichzeitig ist die Sorgearbeit nicht weniger geworden.

00:08:03: Moderne ArbeitgeberInnen versprechen oft Flexibilität, fordern aber trotzdem permanente Verfügbarkeit Ein direkter Konflikt mit unser aller Bedürfnis nach Selbstfür-Sorge Ruhe und Beziehungen zu anderen Menschen.

00:08:16: Kürzere Arbeitszeiten haben nichts mit einem verwöhnten Lifestyle zu tun, sondern wären die Basis dafür, unserem Wunsch nach sozialen Beziehungen und Kooperation nachzugehen.

00:08:26: Sie könnten dazu beitragen dass kinderlose Erwachsene öfter auf die Kinder von Freundinnen aufpassen oder sich erholen bevor sie in einen Burnout steuern und dann ausfallen.

00:08:39: Systemrelevante Pink-Colour Jobs Bezahlte Kehrarbeit ist ein Spiegel dessen wie wir Sorgetätigkeit gesellschaftlich bewerten.

00:08:48: Sogenannte Pink-Color Jobs sind stark vergeschlechtlicht und häufig unterbezahlt.

00:08:52: Ein Zeichen dafür, dass Fürsorgearbeit trotz ihrer zentralen Bedeutung oft gering geschätzt wird.

00:08:58: Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigen die skandinavischen Länder in denen Pflegeberufe ein höheres soziales Ansehen genießen und auch besser bezahlt sind.

00:09:08: In Norwegen gibt es beispielsweise sehr viele männliche Kindergärtner – und Hebammen sind hochangesehene akademisch ausgebildete Fachkräfte!

00:09:16: Internationale Vergleiche verdeutlichen.

00:09:19: Wie wir Care-Arbeit organisieren und entlohnen, zeigt welchen Wert eine Gesellschaft ihr tatsächlich beimisst.

00:09:26: Bei uns sind diese Berufe von Fachkräftemangel, chronischer Unterbesetzung und belastenden Schichtsystemen geprägt.

00:09:33: Das zeigt sich besonders im Krankenhausbereich!

00:09:36: Seit der Einführung Diagnose bezogener Fallpauschalen im Jahr.

00:09:44: Das setzt Anreize, möglichst viele Patientinnen in kurzer Zeit zu behandeln während pflegerische und betreuende Tätigkeiten kaum abbrechenbar sind.

00:09:54: Ein Beispiel dafür ist das Geburten häufiger eingeleitet oder Kaiserschnitte angesetzt werden um Abläufe planbarer zu machen und die Zeit die Gebärende im Krankenhaus verbringen zu verringern.

00:10:07: von den siebenundsebzig Komma acht Milliarden Euro die der Bund zwei tausend sechsundzwanzig an Subventionen leisten wird Fließt nur ein verschwindend geringer Teil in den Bereich Pflege und Care, der nicht als förderungswürdig gilt während wir Waffen kaufen und Kerosin von der Energiesteuer befreien.

00:10:23: Würden wir Pflege- und andere Sorgeberufe als zentralen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Pfeiler anerkennen könnten sich diese Prioritäten auch in der Förderung widerspiegeln Denn Marktregeln sind politisch gesetzt – und damit veränderbar.

00:10:37: Vielleicht führt genau dieser Perspektivwechsel zu einer weitergehenden Einsicht dass Fürsorge nicht nur Aufgabe einzelner Berufsgruppen ist, sondern eigentlich in allen Jobs eine Sorgekomponente enthalten sein sollte.

00:11:14: Historische Fürsorgegemeinschaften Ein Blick in die Geschichte zeigt, das gemeinschaftliches Wirtschaften und soziale Absicherung lange untrennbar miteinander verknüpft waren.

00:11:26: Schon immer schließen sich Menschen zusammen um gemeinsame Interessen zu sichern, Risiken zu teilen und füreinander Sorge zutragen – so etwa im Römischen Reich die sogenannten Collegia Zusammenschlüsse von Handwerkern, Händlern und Priestern – die wirtschaftliche, religiöse und soziale Aufgaben verbannten.

00:11:45: Ab dem Mittelalter gab es dann Handwerker Zünfte-und Bruderschaften, die ihre Mitglieder vor Ausbeutung schützten, Qualitätsstandards sicherten und zugleich soziale Fürsorge organisierten.

00:11:56: Diese gemeinschaftlich organisierten Fürsorgestrukturen gingen mit der Industrialisierung verloren.

00:12:02: Auf der anderen Seite wurde Fürsage mit den Kranken-, Unfall- und Rentenversicherungen des neunzehnten Jahrhunderts erstmals zu einem einklackbaren Recht, nicht abhängig vom Wohlwollen einzelner Arbeitgeber oder Gemeinschaften.

00:12:15: Industriekonzerne wie Bosch- oder Tüssenkrupp entwickelten auch eigene durchaus ambivalente Fürsorgesysteme – zum Beispiel in Form von Werksiedlungen und sozialen Infrastrukturen.

00:12:26: Ein bekanntes Beispiel ist die Margaritenhöhe in Essen, initiiert von Margarete Krupp.

00:12:32: Hübsche grüne Wohnsiedlungen für Angestellte und städtische Beamte.

00:12:36: Natürlich dienten diese Modelle vor allem der Leistungssteigerung der Arbeiterinnen.

00:12:41: Aber trotzdem zeigt sich darin auch die Erkenntnis, dass Arbeit ohne Sorge für Wohnraum, Erholung und ein bisschen frische Luft nicht dauerhaft funktioniert.

00:12:51: Heute kümmern sich Unternehmen immer weniger um ihre Mitarbeitenden.

00:12:55: Selbst Benefits wie gesponserte gesunde Mittagessen, Snacks oder Fitnesskurse wirken eher wie ein Instrument des Employer Branding, um Arbeitskräfte anzulocken.

00:13:06: Hier lauert immer die Gefahr des Carewashings, bei dem unter dem Deckmantel der Fürsorge vermeintliche Angebote für das mentale Wohlbefinden groß inszeniert werden um Beschäftigte wieder stärker an das Büro zu binden.

00:13:18: Es gibt zwar immer noch Gewerkschaften und Betriebsräte, die sich für die Bedürfnisse von Mitarbeitenden einsetzen aber sie kommen aus der Mode.

00:13:26: Neuere Wirtschaftszweige wie die Technologiebranche haben gar keine Gewerkschaften mehr.

00:13:35: Unternehmen freuen sich, wenn sie günstige Freelancer-Innen finden – weil für Sie keine Sozialabgaben fällig sind.

00:13:42: US-amerikanische IT-Unternehmen wie Google oder Apple lagern Tätigkeiten wie Reinigung-, Sicherheitsdienst- oder Kantinenarbeit oft an Subunternehmen aus.

00:13:52: Die Arbeiterinnen in diesen Bereichen sind schlecht bezahlt und sozial schlecht abgesichert.

00:13:57: Weshalb Arbeitsrechtlerinnen sie als unsichtbare Belegschaft bezeichnen?

00:14:02: Noch eindrücklicher zeigt sich diese Verantwortung in globalen Lieferketten.

00:14:07: Unternehmen profitieren häufig von günstigen Produktionsbedingungen im Ausland, während Arbeitskräfte dort unter Präkären teils menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten.

00:14:17: Das Lieferketten-Sorgfaltspflichtgesetz soll Unternehmen auch über die Unternehmensgrenzen hinaus verpflichten, Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu übernehmen.

00:14:28: Der immense Widerstand vieler Branchen zeigt aber wie wenig sie dazu bereit sind Für Sorgepflicht von Arbeitgeberinnen.

00:14:39: Obwohl die Unvereinbarkeit von Sorgeaufgaben und Erwerbsarbeit seit Jahren im Gespräch ist, ergreift die deutsche Regierung kaum politische Maßnahmen dagegen.

00:14:49: Im Jahr twenty-zweiundzwanzig leitete die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland und andere EU-Mitgliedstaaten ein – weil diese die längst vorhandene EU-Vereinbarkeitsrichtlinie nicht in ihren Ländern verankern.

00:15:03: Die Richtlinie umfasst beispielsweise die Familienstartzeit also zehn Tage bezahlte Freistellung für den zweiten Elternteil unmittelbar nach der Geburt eines Kindes sowie Anspruch auf fünf Urlaubstage pro Jahr, um Angehörige zu pflegen.

00:15:17: Wir wissen wie langsam die politischen Mühlen malen.

00:15:20: Aber wir brauchen ja kein Gesetz das uns vorschreibt, wie wir Angestellten das Leben erleichtern.

00:15:25: Bei Der Tomorrow Bank etwa gibt es einen zweivöchigen Babyleaf für jede Person, die eine andere im Wochenbett betreut ganz gleich in welchem Verhältnis sie zu dieser Person steht Zum Beispiel auch, wenn das die Freundin einer allein erziehenden Mutter ist.

00:15:40: So sollten Organisationen sich stärker von individuellen Maßnahmen zu struktureller Entlastung bewegen und Sorge tragende durch Sonderregelungen für Fürsorgetätigkeiten unterstützen – zum Beispiel durch mehr oder flexiblere Urlaubstage, Homeoffice oder Toleranz bei chronischer Krankheit oder familiärer Belastung.

00:15:58: Verteidigerinnen der vierzig Stundenwoche fürchten dass kürzere Arbeitszeiten automatisch zu geringerer Wirtschaftsleistung und Wohlstandsrückgang führen.

00:16:06: Das können wir durch internationale Beispiele widerlegen.

00:16:10: In Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark arbeiten Menschen weniger Stunden pro Woche, und trotzdem haben diese Länder eine hohe Wirtschaftsleitung.

00:16:18: Dass weniger Arbeitszeit nicht automatisch finanziellen Ruin bedeutet, sollten auch Unternehmen wissen.

00:16:29: Aber fast überall können Sorgearbeitende eine Stunde früher gehen, ohne dass jemand komisch guckt.

00:16:35: Dazu kommen ungeschriebene Gesetze wie keine Meetings nach sechzehn Uhr.

00:16:40: Damit zeigen Unternehmen das Menschen mit flexibler und fair gestalteter Arbeitszeit auch in zwanzig bis dreißig Stunden pro Woche genug schaffen können.

00:16:48: Genauso wenig wie eine sorgfreundliche Arbeitszeit unsere Produktivität einschränkt ist zu viel Urlaub ein Problem!

00:16:56: Viele Organisationen können auch ohne katastrophale Einbußen flexibel Urlaubstage gewähren.

00:17:02: Bei neuen Narrative nehmen wir beispielsweise so viele Urlaubstage wie wir brauchen, inklusive selbstgewähltem Sonderurlaub für Wochenbett und ähnliches.

00:17:12: Care als Führungsmodell Wenn Organisationen Fürsorge erleichtern und Angestellte sich besser um sich selbst und andere kümmern, sorgen ausgeruhte Mitarbeitende auch dafür dass es dem Unternehmen gut geht.

00:17:25: Sie machen unter anderem Beziehungsarbeit oder sorgen für gute Stimmung.

00:17:30: Allerdings hat die Fürsorglichkeit am Arbeitsplatz auch eine Grenze.

00:17:35: Wenn sich alle so sehr umeinander kümmern, dass ein Familiengefühl aufkommt kann das auch negative Folgen haben.

00:17:42: Menschen ziehen womöglich weniger Grenzen melden sich seltener krank weil sie immer das Gefühl haben dann ihre Fürsorgepflicht gegenüber den KollegInnen zu verletzen.

00:17:52: Führungskräfte betreiben täglich Fürsorgearbeit.

00:17:55: Sie lesen Stimmungen moderieren Konflikte Sorgen für Sicherheit und Vertrauen.

00:18:00: Aber auch andere Stellen, gerade klassische Assistenzrollen übernehmen häufig eine emotionale Pufferfunktion – Kommunikation strukturieren, für Keksesorgen, Informationen filtern.

00:18:12: Diese Arbeit ist jedoch meist unsichtbar, selten benannt und noch seltene in Bezahlung oder Karrierebewertungen berücksichtigt.

00:18:20: Moderne Organisationen profitieren massiv von dieser emotionalen Arbeit tun aber oft so als passiere sie so nebenbei.

00:18:27: Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, wie skalieren wir?

00:18:30: Sondern wer hält hier eigentlich den Laden zusammen.

00:18:34: Dazu kommt, dass vor allem Führungskräfte viele Überstunden leisten und daher keine Zeit für Kehrarbeit außerhalb der Arbeit bleibt – und doch loben wir genau dieses Engagement und verstehen es als Zeichen von Einsatz!

00:18:46: Damit erhalten wir ein System in dem Fürsorge nebensächlich scheint, obwohl sie für das Funktionieren der Organisation zentral ist.

00:18:56: Sorge als Infrastruktur.

00:18:59: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, unser größtes Problem sei die Unvereinbarkeit von Kehrarbeit und voller Erwerbsarbeit.

00:19:07: Stattdessen brauchen wir das geteilte Verständnis, dass die stärkste Gesellschaft nicht die ist, die am meisten arbeitet sondern die in der die Menschen sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind.

00:19:18: Gesellschaften mit stabilen Sorgeinfrastrukturen haben eine höhere Erwerbstbeteiligung von Frauen bessere Gesundheit hohe Wettbewerbsfähigkeit und stabile Demokratien.

00:19:30: Länder wie Island oder Finnland, die frühzeitig in öffentliche Kinderbetreuung, Elternzeitmodelle und soziale Infrastruktur investiert haben, taten das aus einer Modernisierungslogik heraus.

00:19:42: Das Narrativ dort lautet nicht – wir helfen Familien!

00:19:46: Sondern….

00:19:47: Wir organisieren Gesellschaft so dass Menschen nicht überlastet werden.

00:19:51: Wenn Erwerbsarbeit auf Kehrarbeit aufbaut dann ist Kehrarbeit kein privates Add-on sondern eine gesellschaftliche Infrastruktur Und Infrastruktur finanzieren wir normalerweise kollektiv.

00:20:04: In einer Welt, die das würdigt würde jede Form von Care bezahlt.

00:20:07: Jede erwerbstätige Person zahlt eine Care-Abgabe ähnlich wie Renten oder Krankenversicherung und für Unternehmen fordert es auch ein Umdenken.

00:20:16: Arbeitszeiten orientieren sich an Fürsorgeverpflichtungen – nicht umgekehrt!

00:20:21: Und Fürsorgerfahrung wäre ein Kriterium für Führungskarrieren.

00:20:25: Um Kehrarbeit von dem normativen Bild der biologischen Kernfamilie zu lösen, sollten wir den Begriff Familienfreundlich in Fürsorge freundlich ändern.

00:20:35: Und auch in der Phrase Vereinbarkeit von Job und Familie tauschen wir am besten das Wort Familie gegen Fürsorge ein – und streichen vielleicht direkt die Vereinbartheit heraus!

00:20:45: Das Wort impliziert, dass Arbeit- und Fürsorgene zwei nebeneinander existierende Sphären sind.

00:20:51: Dabei steckt in Erwerbsarbeit immer ein Fürsorgtaspekt.

00:20:54: und in Fürsorge jede Menge Arbeit.

00:21:07: Takeaways Erstens, Kehrarbeit ist Grundlage jeder Wirtschaft.

00:21:13: Erwerbsarbeit funktioniert nur weil Menschen sich gegenseitig versorgen körperlich emotional und sozial.

00:21:20: Ohne diese Basis gibt es keine Produktivität keine Innovation kein funktionierendes System.

00:21:27: Zweitens die gesellschaftliche Bewertung von Sorge ist verzerrt.

00:21:31: unbezahlte Unterbezahlte oder unsichtbare Care-Tätigkeiten tragen zum Wohlstand bei, werden aber in kapitalistischen Strukturen geringgeschätzt.

00:21:40: Historische und moderne Beispiele zeigen – wer care fördert stärkt soziale und ökonomische Systeme gleichermaßen.

00:21:47: Drittens Für Sorge soll nicht nur für Familien leichter werden.

00:21:52: Arbeitszeitmodelle gesetzliche Regelungen, Unternehmensstrukturen und gesellschaftliche Prioritäten müssen so gestaltet sein dass Sorgearbeit sichtbar anerkannt und entlastet wird.

00:22:26: Ich bin's noch mal, Laura.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.